Saskia Jungnikl, Angehörige und Autorin des Buches „Papa hat sich erschossen“

Nachdem mein Vater sich getötet hat, stehe ich auf einmal vor einer Frage, die ich mir zuvor nie gestellt habe: Nenne ich es Selbstmord? Freitod? Suizid? Selbstmord ist mir zu wertend, es beinhaltet das Wort Mord, als hätte jemand eine Straftat begangen. Das sehe ich so nicht. Das Leben meines Vaters ist immer noch sein Leben. Ich habe die Oberhoheit über mein Leben, und ich möchte sie entschieden behalten, ich werde sie also auch ihm nicht absprechen egal wie traurig, wütend und verletzt ich bin. Meine Mama benutzt das Wort Selbstmord – und hat es eine Zeitlang für sich selbst zweigeteilt. Sie sagt, es gibt den Mörder, denn es ist jemand bewusst getötet worden. Aber es gibt auch das Selbst, den Menschen, der getötet wurde und der ein Opfer ist. Sie sagt, das Schwere ist manchmal, dass Wut und Trauer so nahe beieinander liegen. Durch die Trennung des Wortes kann sie wütend sein auf den Menschen, der gemordet hat, und um den trauern, der gestorben ist. Mein Bruder nennt es Freitod. Er folgt der Argumentation, wie sie etwa Friedrich Nietzsche für das Wort hernimmt: Ein Mensch, der sich im Vollbewusstsein seines Geistes und selbstbestimmt „zur rechten Zeit“ tötet. Doch in Nietzsches Verständnis hat die Selbsttötung einen edlen Charakter. Ich hingegen sehe es bestimmt nicht als Heldentat. Und so sage ich meistens, mein Vater hat sich getötet. Oder nenne es Suizid: Der fachliche Begriff ist so herrlich neutral, obwohl er immer so klingt, als wolle man ein Fremdwort benutzen. Aber so offen es innerhalb von Familien gehalten werden kann, wo jedes Wort für jeden eine eigenen Bedeutung haben kann, so sicher bin ich mir, dass in Medien nur von Suizid gesprochen werden sollte.

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